Gottesdienste in Oberwohlsbach und St. Johannis am 1. Sonntag nach Trinitatis - 03. Juni 2018

OWB, St. Johannis

Predigt:
Diakon Günter Neidhardt

"Propheten lügen?"

Kanzelgruß 

2 x 3 macht 4 - widdewiddewitt und 3 macht 9e ! Ich mach' mir die Welt - widdewidde wie sie mir gefällt ... 

Liebe Gemeinde 

Sie kennen diese Liedzeile bestimmt. Pippi Langstrumpf ist es, die sich die Welt, „macht wie es ihr gefällt…..“. Ich habe Pipi Langstrumpf gemocht und mag sie wohl immer noch und als Kind träumt man vielleicht davon, sich die Welt so zu machen, so zu träumen wie sie mir eben gefällt. Gut so! 

Nun sind wir keine Kinder mehr und wissen längst, so „widdewiddewitt“ läuft es nicht und, ehrlich gesagt, sich so einfach die Welt passend machen, beobachte ich eher mit Sorge. Mit Sorge beobachte in Gesellschaft und Politik, das sich Verantwortungsträger oder solche die es werden wollen, die Welt nach ihrem eigenen Wünschen, Vorstellungen und Ideologien zurechtbiegen. 

Bei der Aktualisierung des Dudens, 2017, wurde auch der Begriff »Fake News« in das Wörterbuch der deutschen Sprache aufgenommen. Unter Fake News werden »in den Medien und im Internet, besonders in den Social Media, ich zitiere: „in manipulativer Absicht verbreitete Falschmeldungen« verstanden. 

Falschmeldungen und Zeitungsenten sind nicht neu. Aber gefühlt sind die vermuteten oder tatsächlichen Versuche rasant angestiegen, durch Falschmeldungen politische oder wirtschaftliche Prozesse zu beeinflussen. 

Damit einher geht einerseits die Rede von alternativen Fakten bzw. alternativen Realitäten. Das muss man mal genau bedenken, heißt es doch dass die Wahrnehmung von Fakten, bzw. oder der offensichtlichen Realität, im Prinzip aufgehoben ist. 

Und andererseits Vorwürfe, wie etwa die der Lügenpresse. Informationen, die aus bislang als grundsätzlich vertrauenswürdig eingeschätzten Presseorganen kommen, wird der Wahrheitsgehalt großflächig abgesprochen. 

Zum Fundament von Beziehungen im persönlichen Bereich gehört, dass wir auf die Wahrhaftigkeit des/der Anderen vertrauen können. 

Wo dieses Vertrauen beschädigt wird, wird die Beziehung fraglich. Das ist klar. 

Aber auch in unserer Beziehung zur Welt sind wir auf doch auf ein Maß an Vertrauen angewiesen. Auch wenn wir akzeptieren, dass die Welt in vielen Bereichen zu komplex ist, als dass wir alles verstehen könnten, brauchen wir zur Orientierung in der Welt ein hohes Maß an Informationen und Einschätzungen denen wir verlässlich trauen, vertrauen können. 

Wir sind angewiesen auf einigermaßen sicheren Boden unter den Füßen, auf ein Fundament, auf das wir Entscheidungen gründen können. Zu diesem Fundament gehören 1. neben Informationen und Einschätzungen deren Wahrheitsgehalt wir trauen, die von außen kommen (Nachrichten in TV und Print, seriöse Journalistik) und die wir in unser Nachdenken einbeziehen, 2. persönliche, innere Gewissheiten, die uns in unserem Handeln leiten. 

Wenn mutwillig unsere äußere Entscheidungs- und Handlungsgrundlagen zerstört werden, etwa durch Fake News, oder „alternative Realitäten", verdrehte Tatsachen, durch Weglassung von Fakten und Ersatz durch alternative Fakten, durch bewusste Unterstellungen. Wenn Meinung, Ideologie, wenn ein Weltbild hochgehalten wird und sich die Fakten diesem anpassen müssen (anstatt umgekehrt), dann zerstört das die gemeinsame Wertebasis auf der wir alle stehen müssen. 

Wenn dann noch die Ausbildung persönlicher Gewissheiten, z. B. durch die Pflege von Religion und eigener Glaubenspraxis vernachlässigt wird, ist Orientierungslosigkeit vorprogrammiert. 

Wer sich orientierungslos fühlt, wird irrational handeln. Er wird denen nachlaufen die wie ein Rattenfänger scheinbar einfache Wahrheiten verkünden. Die nur noch das postulieren, was man gerne hören möchte. Populismus nennt man das. 

Eine Gesellschaft kann und darf sich das nicht leisten. Es führt zu Ausgrenzung, Anfeindung, es spaltet. 

Warum ich Ihnen das alles erzähle. Der heutige Predigttext hat mich so zum Nachdenken gebracht. 

Textlesung Jer 23,16–29 (Übersetzung: Gute Nachricht):
Die Propheten Jerusalems lügen. Der Herr, der Herrscher der Welt, sagt: »Hört nicht auf das, was die Propheten euch verkünden! Sie halten euch zum Narren. Sie sagen euch, was ihr Herz ihnen eingibt, nicht was sie aus meinem Mund gehört haben. Denen, die meine Warnungen nicht ernst nehmen, wagen sie zu verkünden: ›Der Herr sagt: Es wird euch blendend gehen‹, und selbst denen, die ihrem eigensinnigen und bösen Herzen folgen, sagen sie: ›Ihr habt nichts Schlimmes zu befürchten.‹ Keiner dieser Propheten hat je in meiner Ratsversammlung gestanden und von meinen Plänen gehört; keiner hat erfasst, was ich will!« Wie ein verheerender Sturm wird der Zorn des Herrn losbrechen und alle Schuldigen treffen. Er wird nicht aufhören zu wüten, bis alles ausgeführt ist, was der Herr sich vorgenommen hat. Erst wenn es zu spät ist, werdet ihr zur Einsicht kommen und alles begreifen. »Ich habe diese Propheten nicht geschickt«, sagt der Herr, »und doch sind sie losgelaufen; ich habe nicht zu ihnen gesprochen und doch reden sie und berufen sich dabei auf mich. Wenn sie in meiner Ratsversammlung gestanden hätten, dann müssten sie meinem Volk doch verkünden, was ich gesagt habe; sie müssten es dazu anhalten, sein Leben und Tun zu ändern!« Der Herr sagt: »Ich bin nicht der nahe Gott, über den ihr verfügen könnt, ich bin der ferne Gott, der über euch verfügt. Niemand kann sich so gut verstecken, dass ich ihn nicht doch entdecken würde. Es gibt keinen Ort im Himmel und auf der Erde, an dem ich nicht wäre!« 

Zwei Aspekte des Textes beschäftigen mich im Besonderen: Zum einen: Den „falschen“ Propheten wird vorgeworfen, „aus ihrem Herzen“ zu reden. Das Herz aber gilt im Hebräischen als Sitz des Verstandes. Ich frage mich: Was ist falsch daran, dem eigenen Verstand zu folgen? Den Verstand auszuschalten kann auf jeden Fall nicht der Weg sein. Aber es kommt wohl entscheidend darauf an, wie dieses Herz gebildet ist, wie verständig der Verstand ist und woraus er sich speist 

Es ist schon zu fragen, in welchen Dienst mein Verstand steht, welcher Sache er dient, woran er gebunden ist. Ob er, und das halte ich für sehr wichtig, auch mit der eigenen Fähigkeit zum Irrtum rechnet. 

Der zweite Aspekt des Textes, der mir wichtig geworden ist: Die Propheten, denen im Text „Lüge“ vorgeworfen wird, stabilisieren die bestehenden Verhältnisse. (Das war wohl auch ihr Job als quasi Staatsbedienstete). Sie verstärken die Zuhörer in ihrem Lebenswandel, sie befördern ein „Weiter so“. Alles ist gut. 

„Der Herr sagt: Es wird euch blendend gehen, und selbst denen, die ihrem eigensinnigen und bösen Herzen folgen, sagen sie: "Ihr habt nichts Schlimmes zu befürchten. Blühende Landschaften werden euch erwarten.“ 

So nicht schreibt Jeremia, im Grund ja auch ein Prophet, aber keiner im Staatsdienst. Da muss man tatsächlich unterscheiden. Prophet ist nicht gleich Prophet. Da sind die, die aus ihrem eigenen Verstand heraus sprechen und nie in der „Ratsversammlung Gottes“ saßen und dann eben die anderen, die ihre Worte an den Willen und das Wollen Gottes binden. 

Und dann eben nicht nur das sagen können, was die Leute gerne hören, sondern auch deutlich machen: So nicht. 

Fragen wir uns das doch selbst. 

Wo ist es heute für mich als Christ, für uns als Kirche notwendig, deutlich zu sagen: So nicht! Es ist doch so einfach zu predigen was die Leute hören wollen. Alles wird ist gut. Don´t worry be happy. 

Dann stellt sich aber die Frage, woher beziehen wir eigentlich unsere Überzeugungen, woher gewinnen wir Gewissheiten, die uns ermutigen und nötigen dieses »So nicht!« zu sagen. Woran ist meine Predigt gebunden, woraus speist sie sich? Wenn ich so nachdenke, dann stelle ich fest: 

Es ist nicht leicht zu entscheiden, wo mich in meinem Reden allein meine Gedanken, Vorurteile, Wünsche, Abneigungen usw. bestimmen und wo das, was die Bibel „Heiliger Geist“ nennt, der Ursprung meiner Überzeugungen ist. War ich in der Ratsversammlung Gottes oder verlasse ich mich auf meinen Verstand? 

Wir stehen in einem Dilemma: Wir haben als Christen, als Kirche, einen Auftrag für Gesellschaft und Welt. Das „Wächteramt der Kirche“ wird das genannt. Wir wissen aber im besten Falle um die eigene Begrenztheit und Subjektivität. Heißt das dann: Lieber nichts sagen, sich als Kirche, als Christ/en sich nicht am politischen Diskurs beteiligen? Kann ja auch nicht richtig sein. 

Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? 

Ihr Lieben, es wird uns bleiben. Wir werden nicht herauskommen aus diesem Dilemma: Was ist Gottes Wille und was ist Ergebnis unserer eigenen, vielleicht sogar egoistischen Überzeugungen, die wir dann als Prophetenwort verkündigen. 

Gut ist da das Wissen um unsere eigene Begrenztheit. Und solange uns dieses Wissen nicht lähmt, ist es ein wirksamer Schutz vor Selbstüberschätzung. 

Liebe Schwestern, liebe Brüder, es kommt wohl sehr darauf an, dass wir unseren Verstand und unser Herz an Gottes Wort binden und dabei aufpassen dass wir a) Das Wort Gottes nicht unnützlich führen / missbrauchen, wie es im 2. Gebot heißt und b) mutig und klar bekennen was Gottes Wille ist. 

Jesus hat uns das vorgelebt und aufgezeigt: Seid konsequent an der Seite der Schwachen. Das wird in der Ratsversammlung Gottes besprochen. Seit auf der Seite der Versöhnung, des Friedens, der Gerechtigkeit, der Verständigung, der Mitwelt. Bleibt dabei kritisch und misstraut den scheinbar so einfachen Lösungen. 

In der Rückbindung an Gottes Wort und Gottes Gebot eröffnet sich der Raum, in dem sich der Geist der Wahrheit ereignen kann. Dann kann, bei allen Zweifeln auch die innere Gewissheit wachsen, die uns zum rechten Reden und Handeln ermutigt. 

Liebe Gemeinde, in Jeremia 23 wird den Propheten, denen vorgeworfen wird, Lüge zu weissagen, auch unterstellt, genau damit Gott vergessen zu machen. 

Ich rate zum Faktenckeck. Wahrhaftigkeit heißt dann: Unser Forschen, unsere Verstehensversuche, unser Selbstverständnis und unser Verhalten in der Mitwelt bestimmt sein zu lassen von der Frage, wie wir mit all dem so umgehen, dass wir gestalten, aber nicht zerstören. Das gilt für die Schöpfung, das gilt aber erst recht für den Umgang untereinander, im Großen und im Kleinen.. 

Fake oder Fakt, Wahrhaftigkeit oder alternative Realität? 

Als Christen, als Kirche haben wir den Auftrag, so zu reden und zu handeln, dass wir dem Schöpfer die Ehre geben. Vertrauen wir darauf, dass uns der Geist der Wahrheit dazu leitet! 

Geben wir der Wahrheit die Ehre: 

3x3 macht 9 widdewiddewit und 3 macht 12e, gestalten wir die Welt, wie es Gott gefällt!

Amen

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