Gottesdienste im Curanum und in St. Johannis am Sonntag Kantate - 29. April 2018

Curanum, St. Johannis

Predigt:
Diakon Günter Neidhardt

"FREIHEIT"

Predigttext: Apg. 16, 23-40:

Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Freiheit heißt Liebe 
Freiheit heißt gib mir Raum
Freiheit heißt Treue 
Freiheit ist ein Menschheitstraum 
Freiheit heißt Rücksicht 
Freiheit heißt Toleranz 
Freiheit heißt hilf mir
Ich glaube Freiheit bleibt weiterhin unerkannt.

So haben wir es eben gehört und von Freiheit und von Befreiung erzählt ja auch unser Predigttext aus der Apostelgeschichte, den wir eben gehört haben. Darf ich Sie zunächst mal zu einem Szenenwechsel einladen? 

Wir befinden uns in einem Zuchthaus, Anfang des vorigen Jahrhunderts. Die Zuchthäusler sitzen in ihren Anstaltsuniformen im Gottesdienst. Einer von ihnen: Wilhelm Voigt, der spätere „Hauptmann von Köpenick“, die meisten von Ihnen werden diesen Film mit Heinz Rühmann kennen. Sie singen einen Choral: „Bis hierher hat mich Gott gebracht / durch seine große Güte!“ 

Ein zynischer Scherz, den sich Carl Zuckmeyer als Autor da ausgedacht hat. Nein, Gott ein Loblied zu singen dafür, DASS man in eine schlimme Lage geraten ist, das ist zynisch. Oder ironisch. Aber zu singen, OBWOHL es so fürchterlich ist, das kann eine enorme Kraft entfalten. 

Das kann Hoffnung machen, das kann Mut geben. Beispiele? Denken Sie an die Spirituals der Sklaven in Nordamerika – voller Glauben, Hoffnung, Freiheit. 

„ Oh freedom over me, Oh freedom over me. And before I'd be a slave I'd be buried in my grave and go home to my Lord and be free." (Oh Freiheit….. und bevor ich wieder Sklave werde will ich lieber tot und begraben sein)

Oder das Lied der  „Moorsoldaten“ aus dem KZ Börgermoor II im Emsland: »… doch für uns gibt es kein Klagen, / ewig kann’s nicht Winter sein. / Einmal werden froh wir sagen: / Heimat, du bist wieder mein …!« Manche Lieder in den Ghettos aus der Nazi-Zeit hatten eine atemberaubende Dichte und Kraft. Dazu gehört auch (auch wenn die Melodie jüngeren Datums ist) Dietrich Bonhoeffers Text „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag……“ geschrieben im Berliner Gestapogefängnis im Dezember 1944.

Singen in Gefangenschaft, Singen trotz ungewissen Ausgangs, Singen an einem „gottverlassenen“ Ort unter schlimmen Haftbedingungen und zu unmöglicher Uhrzeit. Gott trotz allem loben. Das alles begegnet uns in einer Geschichte um die Missionare Paulus und Silas.

Plötzlich frei. Ich werde zu Gottes himmlischen Ufer fliegen: 

Lied: „I’ll fly away

Was ist passiert damals? Paulus und Silas (und Timotheus) sind im Philippi im heutigen Nordgriechenland angekommen. Ihre Botschaft von Christus dem Auferstandenen kam an.  Aber wenn das Evangelium für gewisse Leute geschäftsschädigend wird, dann gibt es Ärger. Und genau das ist passiert: Paulus heilt eine Sklavin mit einem »Wahrsagegeist«. Gut für die Frau, aber schlecht für das Geschäft ihrer Besitzer …

»Als aber ihre Herren sahen, dass sie keinen Gewinn mehr erwarten konnten, ergriffen sie Paulus und Silas, schleppten sie auf den Markt vor die Stadtbehörden, führten sie den obersten Beamten vor und sagten: Diese Männer bringen Unruhe in unsere Stadt. Die obersten Beamten ließen sie mit  Ruten  zu schlagen und ins Gefängnis bringen; dem Gefängniswärter befahlen sie, sie in sicherem Gewahrsam zu halten. Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss zur Sicherheit ihre Füße in den Block.

Keine guten Aussichten. Wirklich nicht. Das war’s dann wohl. So mögen viele in dieser Situation denken. Manch einer wird schreien oder wimmern, mancher in Lethargie oder Apathie verfallen. Schweigen. Nicht so die beiden Apostel Paulus und Silas. Die machen es anders, so wie die Sklaven auf den Baumwollfeldern: Singen! So wie die KZ-Häftlinge: Singen. So wie Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis der Geheimen Staatspolizei: Singen.

Wohlgemerkt: Sie singen NICHT „Bis hierher hat mich Gott gebracht!“ Sie reden sich nichts schön, sie reden sich nicht irgendeinen Sinn ein. Nein, sie loben Gott. Trotz allem. Und wer zu Gott singt, der hofft auch oder glaubt: Gott hört das! Gott ist hier! Gott ist sogar an diesem gottverlassenen Ort! Gerade hier entfaltet er seine befreiende Kraft. „Erschütternd“ im wahrsten Wortsinn. Ein Beben zerreißt die Ketten, die Tore springen aus den Angeln. Ein Wunder, singen befreit. 

Ja, natürlich, es gibt kein Abo auf ein befreiendes Erdbeben. Und ich persönlich hänge auch nicht dieser Frömmigkeitsrichtung an, die da sagt: Nur durch Lobpreis ist geschieht Veränderung. Aber, nehmen wir dieses Erdbeben doch als ein Zeichen, das die innere Freiheit unterstreicht, die Paulus und Silas hier beim Singen zu Gott gewinnen.

Eine Freiheit, sie nicht Hals über Kopf abhauen lässt, eine Freiheit die auch noch dem Gefängniswärter zur Befreiungsgeschichte wird. Und was hat das mit uns zu tun? Wo wir doch nicht im Gefängnis sitzen und den meisten von uns Erfahrungen von Gefangenschaft oder Gewalt erspart geblieben sind?

Zunächst: Es gibt auch Gefängnisse, die nichts mit Justizvollzugsanstalt  zu tun haben. Gefängnisse, deren Insassen fast alle von uns schon mal waren – oder sind: Das Gefängnis der sorgenvollen Grübelgedanken, die sich einfach nicht stoppen lassen. Das Gefängnis der Angst. Das Gefängnis einer Krankheit oder Behinderung – mit all den Schmerzen oder Einschränkungen. Beziehungen zu anderen Menschen können auch zum Gefängnis werden. Oder die Fesseln einer Sucht. Oder wenn Sie oder Ihre Familie wirklich arm sind und viele Möglichkeiten Ihnen versperrt sind. Oder ein Stigma, ein schlechter Ruf. Oder, oder 

Nein, ich erzähle Ihnen jetzt nicht, dass man nur singen und lobpreisen muss und dann wird alles erdbebenartig gut. Sie wissen es ja aus Ihrem Leben besser: Manche Mauern bleiben lange, lange stehen.

Ich erzähle ihnen aber:  Gott laut zu loben, das wird Sie vielleicht auch mal AUSIhrem Gefängnis befreien, aber wahrscheinlich kann es Sie INIhrem Gefängnis befreien. Darum: Wie hoch auch immer die Mauern sind, die Sie umgeben, die Sie erdrücken: Sie können Ihr Lied, Ihr Gebet über die Mauer werfen als Anker. Direkt zu Gott. Gott hört Sie!

Wenn Sei sich heute durch diese Geschichte anregen lassen, heute irgendwann auch nach diesem Gottesdienst ein Lied zu singen, allein oder wie Paulus und Silas mit anderen, oder mit Ihrer Stimme ein Gebet zu sprechen (also nicht nur »im Herzen«), dann könnten Sie etwas von dieser Freiheit, von Kraft, Mut und Hoffnung spüren. Und dann wirken die Lieder von Paulus und Silas über die Jahrhunderte hinweg bis in Ihren heutigen Sonntag hinein.

AMEN

nach oben